Weinatlas Deutschland: Mehr über Weinkonsum wissen

Jasmin Presser-Velder, Splendid Research (© D. Möllenhoff)

Mit Jasmin Presser-Velder von Splendid Research sprach der Connaisseur Consumer Blog über den "Weinatlas 2018“ sowie die Vorlieben und Einschätzungen deutscher Weintrinker.

Noch immer fühlen sich die meisten Deutschen in der Weinwelt recht verloren. Davon dürfen die medial präsenteren Nerds (neue Schule) und Liebhaber (alte Schule) nicht ablenken. Otto Normalweintrinker weiß zwar nicht recht bescheid, was seiner Zuneigung zum Wein aber keinen Abbruch tut. Geht es auch etwas genauer?

Auf diese Frage gibt der „Weinatlas 2018“ des Marktforschungsinstituts Splendid Research weitere Antworten. Die repräsentative Erhebung gibt Auskunft über Konsumhäufigkeit, Kaufort und Weinspezifika. Grund genug, bei Jasmin Presser-Verlder, PR-Managerin von Splendid Research, nachzufragen.

Frau Presser-Verlder, was ist der konkrete Anlass für den „Weinatlas Deutschland“? Was wollen Sie in statistische Erfahrung bringen?

In unserer repräsentativen Studie, unserem Weinatlas 2018, beschäftigen wir uns mit dem Weinkonsum der Bundesbürger. Wir wollten herausfinden, wie beliebt Wein unter den Deutschen ist, welche Trinkgewohnheiten die Menschen haben und welche Vorlieben in Sachen Rebsorten und Weinarten. Des Weiteren haben wir die Bekanntheit zwanzig ausgewählter Marken untersucht, um herauszufinden, wie gut sich die Deutschen tatsächlich auskennen mit dem, was sie trinken. Auch haben wir Daten dazu erhoben, wie sehr so genannte BIB/ Weinschläuche und ihre Nutzung mittlerweile verbreitet sind.

Splendid Research arbeitet für verschiedene Unternehmen im Bereich Food & Beverage. Was unterscheidet die Weinbranche beispielsweise von den Segmenten Kaffee oder Alkoholfreie Getränke? Was macht diese Branche so anders?

Da wäre zum Beispiel die Preisbereitschaft der Käufer. Kunden sind laut unserer Studie bereit, für Wein im Verhältnis mehr Geld auszugeben als für Genussmittel aus anderen Segmenten. Ein weiterer Unterschied ist die geringere Loyalität einer bestimmten Marke gegenüber. Dies zeigt sich ja schon daran, dass die Weintrinker kaum Güter und Marken kennen und einordnen können. Damit einher geht möglicherweise eine Überforderung sowie Unsicherheit, wenn man im Supermarkt vor dem Regal steht und eine Flasche Wein aussuchen muss. In anderen Teilen des Food-&-Beverage-Bereichs trat dies durch unsere Umfragen bislang nicht so deutlich zu Tage.

 

 

Ganz konkret nachgefragt: Selbstverständlich gibt es Markenweine, aber ansonsten findet die Begrifflichkeit „Marke“ im Weinsektor nicht richtig statt, weshalb in der Studie auch „Weingüter“ als alternative Beschreibung verwendet wird. Wie aussagekräftig ist folglich das Ranking der bekanntesten Marken in der Studie?

Natürlich ist die Markenloyalität im Bereich Wein eine andere als beispielsweise bei Bier. Viele Weintrinker fokussieren sich in der Tat eher auf eine Rebsorte als auf ein Weingut oder eine Weinmarke. Dennoch wollten wir dies in unserer Studie der Vollständigkeit halber nicht unerwähnt lassen. Gleichwohl beschränken wir uns ja auf eine kleine Auswahl von insgesamt zwanzig ausgewählten Marken. Was die Aussagekraft betrifft, so ist diese selbstredend valide, denn die Antworten sind ja repräsentativ und wurden von den Teilnehmern exakt so gegeben.

Ist eine Aussage dieses Rankings nicht auch, dass echte Wein-Kennerschaft nur sehr gering ausgeprägt ist. Wie hoch schätzen Sie den Anteil tatsächlicher Wein Connaisseurs unter den deutschen Weintrinkern ein?

Wie Sie bereits erwähnen, sagt unsere Studie aus, dass die Wein-Kennerschaft eher gering ist. Dem schließe ich mich an – ich verlasse mich lieber auf valide Daten als auf mein Gefühl.

Frau Presser-Verlder, ein Ergebnis der Studie sagt aus, dass die Mehrheit der Weintrinker bis zu acht Euro für eine Flasche ausgeben. Die GfK vermeldete dieses Frühjahr, dass der Durchschnittspreis im Supermarkt für einen Liter Wein 2,92 Euro beträgt. Wie bekommen wir diese Zahlen zusammen?

Der Unterschied liegt in der Art der Erhebung: Wir haben gefragt, wie sich die Weintrinker selbst einschätzen – andere Institute nutzen beispielsweise Handels- oder Haushaltspanels. Dabei scannen Institute repräsentativ ausgewählte Haushalte im Hinblick auf ihre gesamten Lebensmitteleinkäufe oder aber Scannerkassen übermitteln die Daten direkt beim Einkauf. Die GfK wertet die Daten von tatsächlich getätigten Käufen aus, während es sich in unserem Weinatlas um eine Schätzfrage handelt. Die Befragten mussten in unserer Erhebung im Kopf überschlagen, wieviel sie durchschnittlich pro Flasche Wein ausgeben. Natürlich hat ein Befragter nicht alle Ausgaben im Kopf, sondern kann nur grob anhand der letzten Käufe, an die er sich erinnert, überschlagen, wie viel Geld er pro Flasche ausgibt. Die GfK hat den Preis pro Flasche ermittelt – sprich – alle verkauften Flaschen fielen gleich schwer ins Gewicht, was den Durchschnittspreis betrifft. Wir hingegen haben pro Kunden analysiert: Jemand, der zum Beispiel durchschnittlich zwölf Euro pro Flasche ausgibt, aber sehr selten Wein kauft, hat in unserem Fall dasselbe Gewicht, wie jemand, der nur 2,49 Euro zahlt, jedoch häufig Wein kauft.

 

 

Laut „Weinatlas Deutschland“ – Mehrfachnennung ist möglich – sind Supermarkt (76%) und Discounter (39%) die meist genutzten Einkaufsstätten. Der stationäre Weinhandel (24%) und der Online-Weinfachhandel (14%) hinken nach wie vor deutlich hinterher. Welche Entwicklung erwarten Sie für die kommenden Jahre?

Wir erwarten, dass der Online-Handel weiter zunehmen wird – so wie dies in vielen Branchen der Fall ist, wenn der stationäre Handel sich dem nicht entgegenstellt und neue Konzepte entwickelt. Zudem kann ich mir vorstellen, dass Discounter aufholen werden, da diese mehr und mehr qualitativ hochwertige Weine in ihr Sortiment aufnehmen. Sie machen Stück für Stück den klassischen Supermärkten Konkurrenz und diese dürften dies auch immer deutlicher spüren.

Hat sich die Studie ebenfalls mit Aspekten der Kommunikation beschäftigt? Wissen sie, wo sich deutsche Weintrinker über Wein informieren? Welche Kanäle und Medien sie nutzen?

In unserer Studie haben wir uns damit nicht befasst. Allerdings haben wir unsere so genannte „Medien-Frage“ integriert. Hier fragen wir nach, welche Medien unsere Teilnehmer generell in welcher Häufigkeit nutzen. Als Ergebnis konnten wir feststellen, dass regelmäßige Leser von Zeitungen und Zeitschriften sowie regelmäßige Nutzer von XING und LinkedIn Wein tendenziell lieber mögen: Hier gab es eine höhere Zustimmungsrate bei „Wein schmeckt sehr gut“ bzw. „gut“. Ich merke jedoch an, dass die Weintrinker sich natürlich nicht zwangsläufig über diese Kanäle auch über Wein informieren.

Zum Schluss möchten wir Ihr Interesse an Wein einmal persönlich wenden. Barolo? Bordeaux? Burgund? Wie lauten denn Ihre Favoriten, wenn es um ein Glas Wein mit Freunden geht?

Ich trinke gar keinen Wein, sondern würde in dem Fall auf eine Traubenschorle zurückgreifen.

 

 

 

© Titelbild D. Möllenhoff

Das Interview für den Connaisseur Consumer Blog führte Michael Stolzke.

 

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