„Der Begriff Craft Beer ist propagandistisch aufgeladen“

„Der Begriff Craft Beer ist propagandistisch aufgeladen“

Im Gespräch mit Helmut Adam über Bier, Bars & Brauer

Seit Oktober empfiehlt sich den Bierfreunden der Republik ein neues Fachmagazin: „Bier, Bars & Brauer“ tritt als journalistischer Fackelträger für eine aufgeklärte und qualitätsorientierte Bierkultur an. Deshalb zählt das kritische Hinterfragen des Craft Beer-Spektakels ebenso wie der kenntnisreiche Blick auf die neue Biervielfalt der Kreativbierbewegung.

Welcher Bierwandel in die Gastronomie einkehren muss, und was progressive Brauer von Spirituosenfirmen lernen können, darüber spricht Helmut Adam im Interview mit den Connaisseur Consumer Blog. Der Herausgeber des „Mixology Magazin“, Mitinitiator des „Bar Convent Berlin“ sowie der „GSA-Competition“ hat sich mit „Bier, Bars & Brauer“ (3B) und dem „3B Top 50 Award“ in neue alte Gefilde aufgemacht.

Herr Adam, hat Sie der Dienst an der Barwelt nicht mehr ausgefüllt? Warum musste es nach Mixology, Bar Convent Berlin und der GSA-Competition nun „Bier, Bars & Brauer“ sein?

Eine berechtigte Frage! (lacht) Allerdings haben wir hier mittlerweile im Verlag ein großes, gut eingespieltes Team sitzen, das besonders das Mixology Magazin bereits fast im Alleingang „wuppt“. Beim Bar Convent ist es ähnlich – insofern, dass wir mit Reed Exhibitions einen starken Partner zur Seite haben. Dieses neue Projekt war über mehrere Jahre ein Herzenswunsch unseres Bierautoren-Teams und irgendwie haben wir dann schließlich gesagt: „Okay, wir machen das jetzt.“

Hat das Craft Beer die deutsche Bierwelt aus dem Dornröschenschlaf geküsst? Anders gefragt: Gibt es heute das Publikum für „Bier, Bars & Brauer“ (3B), das es vor vier Jahren noch nicht gegeben hat?

Wir benutzen den Begriff „Craft Beer“ ungern, da wir ihn als propagandistisch aufgeladen und unpräzise ansehen. Aber die Mikrobrauer- oder Kreativbierbewegung hat in der Tat die deutsche Bierwelt wachgeküsst. Ich denke, dass Bier, Bars & Brauer vor vier Jahren ebenfalls schon einen guten Start gehabt hätte. Der Brew Berlin Blog, den wir damals als publizistisches Angebot des Bar Convent mit hoher Artikelfrequenz starteten, bekam auf Anhieb große Resonanz. Dort entstand ja auch die Marke „Bier, Bars & Brauer“ als Kolumne. Aber die Szene ist ganz eindeutig noch breiter geworden in jüngster Zeit.

Das Fachmagazin beschränkt sich aber nicht nur auf Craft Beer, sondern will „ein Stück weit die Bierkultur mitgestalten“ – so eine Presseinformation des Verlags. Für wen ist 3B also genau das richtige?

Wie oben bereits beschrieben, ist der Begriff „Craft Beer“ unpräzise. Was genau meinen denn Sie damit? In der medialen Berichterstattung werden damit primär coole, junge, bärtige und tätowierte Start-ups in den Metropolen beschrieben. Dass die so abgefeiert werden, hat viele traditionelle Mittelstandsbrauer dazu bewogen, nun auch ein Pale Ale oder India Pale Ale ins Programm aufzunehmen und sich „Craft“ aufs Etikett zu schreiben. Das sagt aber über die Qualität und Machart des Bieres überhaupt nichts aus. Viele deutsche Bierspezialitäten von Traditionsbrauereien konnten bis vor kurzem nur in die USA verkauft werden, da sie hierzulande niemand haben wollte. Und das ist es, was uns umtreibt. Die Renaissance der Biervielfalt. Die Initialzündung für das Magazin war dann auch, dass wir ständig auf Geschichten stießen, die niemand erzählt hat. Vor allem kritische Sachen. Am meisten diskutiert wird etwa gerade ein Artikel aus unserer ersten Printausgabe über Brauer, die energetisiertes Wasser verwenden. Die legen da irgendwelche Kristalle in ihr Brauwasser und erzählen, dass das ihr Bier besser mache. Und das seit Jahren.

 

Und Print ist dafür auch das Medium der ersten Wahl? Angesichts all der Verkostungsforen, Blogs, Facebook-Gruppen ... in den unendlichen Weiten von Online und Social Media?

Unbedingt. Wir benutzen wie bei Mixology – Magazin für Barkultur, beide Welten. Print und Online. Wir sind mit Online zuerst im Juni dieses Jahres gestartet. Parallel lief dazu die Produktion des ersten Prints an, den wir im Bundle mit Mixology im Oktober an den Kiosk gebracht haben. Außerdem ging er im Freiversand an Biergastronomie, Fachhandel und Brauereien. Und gerade aufgrund der Schwemme und dem Lärm von Blogs und Social Media behält der Print seine Wertigkeit. Das ist ein großartiges Produkt, wenn es mit dem richtigen Papier, guter Gestaltung und guten Inhalten gemacht ist. Jede E-Mail, die uns ein Print-Leser schickt, und das sind wirklich viele, ist für uns ein Vielfaches von dem wert, was Facebook und Co. an Pseudo-Reichweiten versprechen. Aber natürlich ist Online für die Pflege der Leser-Gemeinschaft und den kritischen Austausch notwendig. Die beiden Welten ergänzen sich – sie schließen sich nicht aus.

Sind das alles Genießer und Botschafter der Bierkultur, die sich jetzt über mehr Vielfalt und die mal experimentierfreudige, mal eher archaisch anmutende Herstellung von Bier begeistern?

Wir positionieren uns klar als Fachmagazin. Bei uns geht es also um die richtige Fassauswahl, welche Preisgestaltung die Biergastronomen vornehmen oder mit welcher Methode man Sauerbier herstellen kann. Dort haben sie die Begeisterung natürlich. Und das an sich ist in Deutschland schon ein großer Markt. Wir sprechen ihn nur auf neue Art und Weise an. Die Bierkultur verstand sich in Deutschland bisher vor allem als ländliche Kultur. Das ändert sich aber mit der Kreativbierbewegung gerade gewaltig. Diese wächst vor allem in den großen Städten heran und benutzt eine andere Sprache. Und daraus erwachsen auch neue Zielgruppen. Meine Frau etwa hat vor der Kreativbierbewegung kein Bier getrunken.

Welche Verantwortung tragen die Gastronomie und die Bars für die herkömmlich bekömmliche Bierkultur? Welche Aufgabe fällt ihnen bei einer „Rekultivierung“ zu?

Wir fordern Bars und Restaurants dazu auf, Bier denselben Stellenwert zu geben, den sie dem Essen, ihrem Wein- oder Cocktailangebot einräumen. Wir müssen weg vom „Möchten Sie ein Bier?“ und hin zum „Wir können Ihnen zehn frische Biere vom Fass anbieten. Zu Ihrem Hauptgang empfehle ich Ihnen ein Stout und vielleicht hätten Sie Lust, nachher zum Dessert ein passendes Lambic zu probieren?“ Was eine Gastronomie aber leisten kann und will, hängt von ihrem Konzept ab. Die gehobenen Cocktailbars etwa möchten Cocktails verkaufen. Da macht es keinen Sinn, zwanzig Biere einzulisten. Die sind aber auch nicht die Zielgruppe von Bier, Bars & Brauer.

Das Bier, die Bars und die Brauer sind die Protagonisten der Szene und damit des Fachmagazins; verstanden. Und deshalb gibt es gleich den 3B Top 50 Award oben drauf? Einfach, weil wir Helden brauchen?

Ja, Bestenlisten. Man liebt sie oder hasst sie. Ich habe mich gefreut, dass diese Awards auf Anhieb so lebhaft geteilt, kommentiert und auch kritisiert wurden. Sehen Sie, unser Bier-Journalismus läuft seit Mitte der Nullerjahre. Wenn wir jetzt Awards ausloben, ist das auf der Basis dieser Arbeit entstanden. Das ist nicht reine Effekthascherei von Branchenneulingen. Es sind Fach-Awards, wie es sie in der Form bisher nicht gegeben hat. Es handelt sich um das Who-is-Who der Bierszene, das mit abgestimmt hat. Und wer die lockere Atmosphäre bei der Verleihung erlebt hat, weiß, dass es nicht um Heldentum geht, sondern um ein Schulterklopfen unter Kollegen. Die Bierszene ist sehr kollegial und hilfsbereit. Und das ist die Aussage dieser Awards. Den Helden-Journalismus finden Sie woanders. Nicht bei uns.

 

 

"Sehen Sie, unser Bier-Journalismus läuft seit Mitte der Nullerjahre. Wenn wir jetzt Awards ausloben, ist das auf der Basis dieser Arbeit entstanden. Das ist nicht reine Effekthascherei von Branchenneulingen."

Herr Adam, geben Sie uns doch ein paar Stichworte zur Lage der Biernation Deutschland. Wie wichtig ist unsere Herkunft? Wo sehen Sie unsere Zukunft?

Wir als Biernation Deutschland müssen eigene Antworten auf die Herausforderungen der Branche finden. Es reicht nicht, Einflüsse aus anderen Kontinenten zu kopieren. Der seit Jahren rückläufige Bierkonsum zeigt, dass die Branche in Vielem den Anschluss verpasst hat. Wenn ich mich mit progressiven Brauern unterhalte, die auch die anderen Inhalte kennen, die wir produzieren, dann sagen die häufig: „Die Spirituosenfirmen sind uns zehn Jahre voraus in Sachen Marketing und Kundenansprache.“ Bier muss wieder eine Wertigkeit zugeschrieben bekommen. Und bürokratische Hürden und Gängeleien werden den Weg dorthin eher hindern denn befördern.

Mal ad hominem gefragt: Was bieten Sie an, wenn Freunde zu Besuch kommen? Cocktail oder Bier oder noch etwas Anderes?

Beides. Ich habe kommendes Wochenende ein paar Freunde da. Es gibt zum Empfang Cremant vom Händler meines Vertrauens und wer dann umsteigen will, hat eine schöne Auswahl an Kreativbieren oder kann einen Negroni, Old Fashioned oder ein Gin Tonic ordern, wenn gewünscht. Zu komplizierte Sachen mixe ich aber nicht zu Hause. Sonst stehe ich den ganzen Abend nur in der Küche (lacht). Ein frisches Helles und Wein gibt es natürlich auch.

Herzlichen Dank, aber einem kleinen Ritual des Connaisseur Consumer Blog müssen Sie sich noch beugen. Drei kurze Fragen, drei kurze Antworten bitte.
Barolo oder Bitburger?
Bitburger. Ich darf leider keinen Rotwein trinken derzeit. Gesundheitliche Gründe.

Sushi oder Matjes? Sushi

Chateaubriand oder Tomahawk? Chateaubriand

 


Link-Tipps

Website „Bier, Bars & Brauer“

Interview mit Helmut Adam im Blog „Auf ein Glas“ über die "Made in GSA-Competition" und das Regionale im Drink.
 

 

Das Interview für den Connaisseur Consumer Blog führte Michael Stolzke.

 

Connaisseur Consumer Blog

Der Connaisseur Consumer Blog trägt Insights aus der Praxis, aktuelle Studien, Experteninterviews und Hintergründe rund um die Connaisseur Consumer® zusammen.

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