Cider, Cidre & Apfelwein: weltweit am schnellsten wachsende Getränkegattung

Martin Heil

Vor dem internationalen Branchentreff in Frankfurt sprach der Connaisseur Consumer Blog mit Martin Heil, dem Präsidenten des internationalen Verbandes (AICV) und Geschäftsführer der gleichnamigen Kelterei.

Bereits zum zweiten Mal kommen internationale Hersteller von Cider und Cidre, Apfel- und Fruchtweine zum „Global Cider Forum“ zusammen. Anfang September treffen dann die Big Player der Branche auf kleine Hersteller, regionale Verbände sowie nationale Größen. Alle eint der Glaube an die Gattung und die Zahlen geben Ihnen recht. Kein anderes Segment aus der Welt der Getränke weist ein solch schnelles Wachstum auf. Allerdings fällt der Gesamtanteil am Getränkeumsatz nach wie vor überschaubar aus – womit wir wieder beim Glauben wären.

Im Vorfeld des 2. Global Cider Forum haben wir mit Martin Heil gesprochen, in Personalunion Geschäftsführer der Kelterei Heil, Vorstandsvorsitzender des Verbands der Hessischen Apfelwein- und Fruchtsaft-Keltereien sowie Präsident des europäischen Dachverbands der Cider- und Fruchtweinhersteller (AICV).

Der Verband der deutschen Fruchtwein- und Fruchtschaumweinindustrie (VdFw) hat unlängst die Zahlen für das Jahr 2017 vorgelegt. Leichte Zuwächse für den klassischen Apfelwein, deutlich größeres Wachstum verzeichnen die sogenannten Innovationen, zu denen auch Cidre und Cider zählen.

Herr Heil, könnte man zugespitzt formulieren, dass die 20- bis 30-Jährigen zum Cider greifen, während die älteren Verwender dem Apfelwein treu bleiben? Wie könnte ein Brückenschlag funktionieren?

Apfelwein und Cider sind beide in einem Aufwind. Am Alter der Konsumenten kann man diese Entwicklung nicht festmachen. Cider ist sicherlich das „Moderne Getränk“ feinherb bis süß mit Ausstattungen, die auch für Biermarken stehen könnten. Apfelwein ist sowas wie der „Ur-Cider“, bodenständig, etwas herb. Auch das kommt bei jungen Konsumenten gut an, besonders, wenn dieser Zeitgemäß verpackt ist.  

Wenn wir diese Zielgruppen versuchen genauer zu beschreiben. Zu welchen anderen Getränken stehen Apfelwein und Cider bei diesen Verwendern in Konkurrenz? Wer sind die Gattungs-Wettbewerber?

Bei Cider sind es ganz klar Biere und vielleicht besonders Bier-Mischgetränke.
Cidre hingegen hat Kunden aus dem Weinbereich, die, besonders wenn es heiß ist, eine erfrischende Alternative mit weniger Alkohol zum Wein suchen. Ausstattungen gehen auch mehr in diesen Bereich.

Apfelwein ist in beiden Welten zuhause. Sortenreine Apfelweine werden wie Weine präsentiert und Apfelwein-Mischgetränke sind auf der Spur von Cider und Bier.

Neue Sorten und Geschmacksrichtungen, weniger Alkohol und Zucker: An welchen Schrauben müssen die Hersteller aktuell drehen, um den Apfelwein wieder interessanter zu machen?

Apfelwein hat den Vorteil, dass Verbraucher sich den „Alkoholgehalt“ schon immer selbst einstellen konnten – indem Sie „Gespritzten“ bestellen und wahlweise mit Wasser oder Limonade mischen. Neue Sorten spielten in den vergangenen Jahren aber genauso eine wichtige Rolle wie neue Gebinde und neue Produktausstattungen. Hier haben die Keltereien alle durchweg ihre Hausaufgaben gemacht.

 

"Die Branche repräsentieren sowohl ganz kleine Betriebe als auch die großen internationalen Player wie Heineken oder Carlsberg. Mein Ansinnen ist, dass man miteinander anstatt übereinander redet."

 

Welche Rolle spielen Bio und Regionalität? Für den Verbraucher und folglich in der Kommunikation?

Apfelwein ist Hessen und Hessen ist Apfelwein. Wohl kaum ein anderes Getränk steht so für ein Bundesland wie Apfelwein. Man kann dies höchstens mit den „Kölsch“- und „Alt“-Städten Köln und Düsseldorf vergleichen, wobei diese nur als andere „Biere“ wahrgenommen werden und nicht als ein anderes, eigenständiges  Getränk. Von daher ist die regionale Vermarktung für die Keltereien gerade für Apfelwein sehr wichtig.

Bio spielt besonders bei Cidre eine Rolle, aber auch zunehmend bei Cider. Mehrheitlich bei Produkten die auch außerhalb Hessens vermarktet werden. Man unterstreicht mit Bio noch einmal den hohen Anteil landwirtschaftlicher Produkte in den jeweiligen Erzeugnissen.

Anfang September organisiert der europäische Dachverband der Cider- und Fruchtweinhersteller (AICV) das zweite Global Cider Forum in Frankfurt. Welche Idee verfolgt die Fachkonferenz? Was macht vor allem den internationalen Austausch so wichtig?

Cider/Cidre/Apfelwein ist die weltweit am schnellsten wachsende Getränkegattung. Noch kommen 66 Prozent der auf der Welt konsumierten Produkte dieser Art aus Europa. Doch die Herstellung wächst auch in anderen Regionen. Australien, Südafrika, Russland und die USA seien hier als Beispiele genannt. Der Europäische Verband (AICV) möchte mit dem Forum ein globales Netzwerk aller Hersteller schaffen.

Als Präsident des AICV werden Sie auf dem Global Cider Forum sicherlich zu Wort kommen. Was ist Ihnen für eine nachhaltige positive Entwicklung der Branche wichtig?

Die Branche repräsentieren sowohl ganz kleine Betriebe als auch die großen internationalen Player wie Heineken oder Carlsberg. Mein Ansinnen ist, dass man miteinander anstatt übereinander redet. Gemeinsam können wir den Markt weiter entwickeln und voneinander lernen und zuhause im Betrieb oder regionalen Verband den Weg suchen, den dann letztendlich jeder für sein Unternehmen findet.

Noch eine persönliche Nachfrage: Privat trinken Sie sicherlich nicht nur Apfelwein und Cider, was kommt bei Ihnen noch ins Glas?

Ab und zu Weißwein, auch mal ein Bier, wenn es sich nicht vermeiden lässt (lacht).

 

 

 

Das Interview für den Connaisseur Consumer Blog führte Michael Stolzke

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